Industrielle Bildverarbeitung rückt näher an die Maschine heran: Sie liefert nicht nur Prüfbilder, sondern zunehmend entscheidungsrelevante Daten für automatisierte Prozesse. Raoul Kimmelmann, Managing Director bei Rauscher, erklärt im Interview mit Nicole Steinicke, Chefredakteurin INDUSTRIELLE AUTOMATION, warum Vision-Systeme heute stärker als Teil des gesamten Automatisierungsökosystems gedacht werden müssen – und welche Rolle KI, 3D und kundennahes Applikationswissen dabei spielen.
Nicole Steinicke: Herr Kimmelmann, wie haben sich Portfolio und strategischer Fokus von Rauscher im Bereich Bildverarbeitungslösungen in den vergangenen Jahren entwickelt?
Raoul Kimmelmann: Unser Portfolio ist in den vergangenen Jahren deutlich breiter geworden. Wir haben zusätzliche Technologien aufgenommen, Vertrieb und Applikationsteam verstärkt und können heute ein größeres Spektrum an Anwendungen abdecken. Entscheidend ist dabei nicht nur das einzelne Produkt, sondern die passende Teillösung für die konkrete Applikation. Zugleich betrachten wir Anwendungen ganzheitlicher. Schnittstellen zur Maschinensteuerung spielen heute eine größere Rolle als früher. Wir werden dadurch nicht zum Steuerungsspezialisten, bauen aber gezielt Brücken zwischen Bildverarbeitung und Automatisierung.
Mehrwert entsteht dort, wo Hardware, Software und Kundenökosystem sauber zusammenspielen
Nicole Steinicke: Die Verzahnung von Hardware, Software und Systemumgebung nimmt in der Automatisierung weiter zu. Welche Bedeutung haben Partnerschaften und offene Ökosysteme für Sie?
Raoul Kimmelmann: Als Distributor verbinden wir seit jeher Komponenten verschiedener Hersteller und stellen deren Zusammenspiel sicher. Für Kunden wird jedoch immer wichtiger, dass diese Bausteine nicht isoliert betrachtet werden, sondern in ihre Systemumgebung passen. Wir liefern keine komplette Maschine und kein fertiges Prüfsystem. Aber Hardware, Software und Kundenökosystem müssen sauber zusammenspielen. Genau dort entsteht zunehmend unser Mehrwert als Systemlösungsspezialist.
Nicole Steinicke: Welche Kunden profitieren heute von den Bildverarbeitungslösungen von Rauscher?
Raoul Kimmelmann: Wir arbeiten im Wesentlichen mit OEMs, Systemintegratoren, Maschinenbauern und Endanwendern. Die Grenzen verschwimmen zunehmend: Manche Endkunden bauen eigenes Know-how auf, andere setzen weiter auf Integratoren. Häufig entstehen Dreierkonstellationen, in denen wir Technologie und Applikationswissen einbringen und ein Integrator die Umsetzung begleitet.
Nicole Steinicke: Bedeutet das, dass Sie sich je nach Anwendung flexibel zwischen OEMs, Integratoren und Endanwendern positionieren?
Raoul Kimmelmann: Ja. Entscheidend ist der konkrete Bedarf. Wir müssen die Anwendung verstehen und die Sprache der jeweiligen Branche sprechen. Eine besondere Rolle spielt für uns auch die Forschung: Sie ist vertrieblich nicht immer einfach, treibt aber Technologien voran. Zudem entstehen dort oft die Kunden und Anwendungen von morgen.
Nicole Steinicke: Welche Branchen und Anwendungen treiben aktuell das Wachstum im Bereich Machine Vision voran?
Raoul Kimmelmann: Bei unserer Unternehmensgröße können einzelne Projekte schnell wie ein Branchentrend wirken. Tatsächlich ist unser Wachstum derzeit breit verteilt: Label-Inspektion und Track & Trace in der Pharmaindustrie, Semiconductor, Automotive sowie Anwendungen rund um Batteriefolien, Batteriezellen und Batteriekontaktierung gehören zu den wichtigen Feldern. Wir setzen bewusst nicht auf einen einzigen Hype, sondern auf eine breite Branchenbasis.

Nicole Steinicke: Welche Vorteile bietet diese breite Aufstellung Ihren Kunden und Systemintegratoren?
Raoul Kimmelmann: Wir bieten nicht nur Produkte, sondern auch technische Orientierung. Unser Vertriebs- und Applikationsteam kennt viele Herausforderungen aus der Praxis und kann branchenspezifische Anforderungen früh einordnen. Für Anwender bedeutet das: Sie müssen ihre Applikation nicht bei null erklären. Wir können schneller mit ihnen auf Augenhöhe diskutieren und die passende Lösung entwickeln.
Nicole Steinicke: Begleiten Sie Kunden auch über einzelne Projekte hinaus und entwickeln Lösungen gemeinsam weiter?
Raoul Kimmelmann: Ja. Viele Projekte beginnen mit einer längeren Design-in-Phase. Dabei muss die Komponente nicht nur technisch funktionieren, sondern in das gesamte Kundenökosystem passen – inklusive Schnittstellen, Wirtschaftlichkeit und späterer Skalierung.
Ist ein System im Einsatz, entstehen oft Änderungswünsche oder neue Produktgenerationen. Weil wir dann tief in der Applikation stecken, sind wir meist der erste Ansprechpartner für die Weiterentwicklung.
Nicole Steinicke: Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz heute in der industriellen Bildverarbeitung?
Raoul Kimmelmann: KI ist in vielen Anwendungen angekommen, löst aber nicht automatisch jedes Problem. Kosten, Geschwindigkeit, Präzision und regulatorische Anforderungen setzen klare Grenzen. Der frühere Eindruck, mit genügend KI sei jede Aufgabe lösbar, relativiert sich in der Praxis deutlich.
Richtig eingesetzt erweitert KI die Möglichkeiten aber erheblich – etwa bei Texterkennung oder Mustervergleichen. Entscheidend ist die Anwendung: Nicht überall braucht es eine hundertprozentige Sofortentscheidung.
Bei sicherheitskritischen Produkten ist absolute Zuverlässigkeit Pflicht. In anderen Fällen kann ein Produkt bei Unsicherheit ausgeschleust und manuell geprüft werden. So verkürzt KI die Time-to-Market und macht Anwendungen möglich, die früher kaum realisierbar waren.
Nicole Steinicke: Welche technologischen Entwicklungen werden den Bildverarbeitungsmarkt in den kommenden Jahren prägen?
Raoul Kimmelmann: Ich sehe derzeit keinen völlig neuen Hype, sondern eine Fortsetzung der starken Trends: Deep Learning, 3D-Bildverarbeitung sowie Zeilenkamerasysteme und Endlos-Scanning werden weiter an Bedeutung gewinnen. Diese vielseitigen Bereiche prägen den Markt aus meiner Sicht auch in den kommenden Jahren.
Nicole Steinicke: Aktuell sind humanoide Roboter und Cobots ein großes Thema. Entsteht dadurch ein neuer Bedarf an Kameralösungen?
Raoul Kimmelmann: Unsere Stärke liegt ganz klar in der Factory Automation. Bei Cobots, etwa für Pick-and-Place-Aufgaben mit Kameraunterstützung, sehe ich Potenzial. Wahrscheinlicher ist aus meiner Sicht aber ein einfach integrierbares Sensorsystem, das Informationen an die Steuerung liefert und weniger die Kamera als fester Bestandteil des Roboters.
Bilder: Aufmacher Messe Stuttgart / Rauscher






