KI und Digitalisierung verändern die Industrie rasant – doch über den Erfolg neuer Technologien entscheidet vor allem der Mensch. Eine aktuelle Studie des Fraunhofer ISI zeigt, warum menschzentrierte Wertschöpfung zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird.
Der industrielle Fortschritt wird zunehmend durch digitale und KI-gestützte Technologien geprägt. Automatisierung, datenbasierte Systeme und intelligente Maschinen verändern Produktions- und Innovationsprozesse grundlegend. Zugleich zeigt sich: Technologische Leistungsfähigkeit entsteht nicht allein durch neue Systeme, sondern wesentlich durch die Art, wie Beschäftigte in Produktions- und Veränderungsprozesse eingebunden werden. Eine neue Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI macht deutlich, dass menschzentrierte Wertschöpfung ein entscheidender Erfolgsfaktor für Innovation und Produktivität von Unternehmen sein kann.
Im Mittelpunkt der aktuellen Untersuchung auf Basis der Erhebungen zur Modernisierung der Produktion steht das Zusammenspiel zweier Dimensionen: der Kompetenzentwicklung von Produktionsbeschäftigten und einer Arbeitsorganisation, die Beschäftigte aktiv in Wertschöpfungs-, Verbesserungs- und Innovationsprozesse einbindet. Die Studie zeigt: Unternehmen, die beide Dimensionen ausgewogen entwickeln, schneiden bei Produktinnovation und Arbeitsproduktivität deutlich besser ab als Betriebe, die lediglich einzelne Maßnahmen umsetzen oder ganz auf menschzentrierte Ansätze verzichten.
Mensch bleibt zentraler Gestalter technologischer Produktionssysteme
»Entgegen der verbreiteten Vorstellung, menschliche Arbeit werde in der Produktion zunehmend ersetzt, zeigen unsere Ergebnisse eine weiterhin zentrale Rolle des Menschen«, so PD Dr. Djerdj Horvat, Projektleiter im Geschäftsfeld Industrieller Wandel und neue Geschäftsmodelle. Gerade in Betrieben mit hoher Variantenvielfalt, kleinen Losgrößen, häufigen Produktwechseln oder begrenzten Margen stößt Vollautomatisierung an wirtschaftliche und technische Grenzen. Entscheidend ist daher nicht allein, welche Technologien eingesetzt werden, sondern wie Beschäftigte befähigt werden, diese sinnvoll zu nutzen, weiterzuentwickeln und in betriebliche Verbesserungsprozesse einzubringen.
Die Analyse verdeutlicht, dass Weiterbildung und partizipative Organisationskonzepte ihre Wirkung vor allem im Zusammenspiel entfalten. Qualifizierte Beschäftigte benötigen Strukturen, in denen sie ihr Wissen anwenden und einbringen können. Umgekehrt entfalten Beteiligungsformate ihr Potenzial erst dann vollständig, wenn Beschäftigte über die erforderlichen Kompetenzen verfügen.
Integrierte Ansätze sind besonders leistungsfähig, aber bislang selten
Die Auswertung zeigt, dass menschzentrierte Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe noch nicht breit verankert ist. Rund 30 Prozent der Betriebe setzen in mindestens einer der beiden untersuchten Dimensionen keine entsprechenden Praktiken ein. Weitere 30 Prozent verfolgen eine unausgewogene Menschzentrierung, indem sie beispielsweise stärker auf Weiterbildung als auf organisatorische Beteiligungsstrukturen setzen. Nur 17 Prozent der Betriebe weisen eine hohe ausgewogene Menschzentrierung auf – sie kombinieren ein breites Weiterbildungsangebot mit mehreren menschzentrierten Organisationskonzepten.
Gerade integrierte Ansätze gehen mit den besten Leistungswerten einher. Betriebe mit hoher ausgewogener Menschzentrierung erzielen sowohl bei der Produktinnovatorenquote als auch bei der Arbeitsproduktivität die höchsten Werte. Auch Unternehmen mit mittlerer ausgewogener Menschzentrierung liegen bei der Arbeitsproduktivität über dem Durchschnitt. Dagegen bleiben Betriebe mit isolierten oder unausgewogenen Maßnahmen hinter ihrem Potenzial zurück.
Besonderer Nachholbedarf bei KMU
Unterschiede zeigen sich insbesondere nach Betriebsgröße. Größere Unternehmen nutzen Weiterbildungsangebote und menschzentrierte Organisationskonzepte deutlich häufiger als kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Während rund zwei Drittel der größeren Betriebe zu den Intensivnutzern von Weiterbildungsangeboten zählen, setzen KMU meist nur einzelne Angebote ein. Bei den Organisationskonzepten ist der Abstand geringer, aber ebenfalls sichtbar: Rund ein Viertel der KMU nutzt keines der betrachteten menschzentrierten Organisationskonzepte.
Auch Branchen- und Produktmerkmale spielen eine Rolle. Betriebe mit komplexeren Produkten verfügen häufiger über breitere Weiterbildungsangebote. Eine vergleichbar systematische organisatorische Einbindung der Beschäftigten ist jedoch nicht überall zu beobachten. Daraus ergibt sich ein zentrales Handlungsfeld: Betriebe sollten Qualifizierung, Beteiligung und technologische Gestaltung stärker gemeinsam denken.
Menschenzentrierung als wirtschaftlicher Leistungsfaktor
Die Ergebnisse legen nahe, menschzentrierte Wertschöpfung nicht allein als sozialen oder arbeitsorganisatorischen Ansatz zu verstehen. Vielmehr kann sie – ähnlich wie technologieorientierte Modernisierungsstrategien – zur nachhaltigen Leistungsfähigkeit von Unternehmen beitragen. Voraussetzung ist, dass Weiterbildung nicht punktuell erfolgt, sondern strategisch ausgerichtet und mit klaren Beteiligungsstrukturen, erweiterten Handlungsspielräumen sowie einer menschengerechten Gestaltung der Mensch-Technik-Interaktion verbunden wird.
»Die Studie zeigt, dass menschzentrierte Wertschöpfung weit mehr ist als ein normatives Leitbild. Sie kann Innovationsfähigkeit und Produktivität stärken – insbesondere dann, wenn Unternehmen Kompetenzentwicklung und organisatorische Beteiligung konsequent miteinander verbinden«, so Horvat.
Basisdaten der Erhebung
Die vorliegende Untersuchung basiert auf den Erhebungen zur Modernisierung der Produktion 2022. Seit inzwischen drei Jahrzehnten führt das Fraunhofer ISI regelmäßig die Erhebungen zur Modernisierung der Produktion durch. Sie erfasst alle drei Jahre eine repräsentative Stichprobe in der Größenordnung von ca. 1.300 Betrieben des gesamten Verarbeitenden Gewerbes. Mit ihrer umfassenden und faktenbasierten Konzeption erlaubt die Umfrage detaillierte Analysen zur Modernität und Leistungskraft der Betriebe des Verarbeitenden Gewerbes.
Text: Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI
Bild: stock.adobe.com – Westend61







